Muss ich mir das gefallen lassen? Vom ganz alltäglichen Sexismus

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Was uns Frauen schon fast alltäglich vorkommt, darf nicht Normalität sein!

In letzter Zeit (sprich: im Sommer) ist es wieder vermehrt vorgekommen. Im Winter hingegen habe ich meistens Ruhe. Meistens. Ich spreche vom alltäglichen Sexismus, der zum Teil so weit geht, dass er in meinem Erachten beizeiten scharf die Grenze zur sexuellen Belästigung streift . Es ist dieses „ganz normale“ Ding, mit dem man sich als Frau eben auseinandersetzen muss, es dann aber oftmals ignorieren lernt, weil es einfach zu häufig passiert und man sich sonst nicht zu helfen weiß. Aber muss das denn wirklich sein? Wir tun immer so, als wären die Frauen in Deutschland und generell in der „westlichen Welt“ so frei und soo emanzipiert. Leider hat das ein Großteil der Männer noch nicht mitbekommen, weshalb all die zauberhübschen Theorien in der Praxis ziemlich rasch ins Hinken kommen…

Ich gebe euch zu Beginn einmal ein paar Beispiele aus meinem Alltag, in denen ich ganz klar sexistisch behandelt und belästigt wurde. Vielleicht erkennt ihr ja Situationen aus eurem eigenen Leben wieder. Ich fange mal bei „relativ harmlos“ an und steigere mich dann etwas in der Härte der Situationen.

Beispiel 1:

Ich stehe, mit Blümchenkleid und Birkenstocks bekleidet, an einer Ampel in Berlin Kreuzberg und neben mir ruft mir ständig ein Italiener, der relativ nah neben mir steht, „bella, bella!“ zu. Ich schaue nicht hin, weil er einfach nur nervt und nicht aufhört zu rufen. Ein ausgeprägtes Durchhaltevermögen muss man ihm neidlos anerkennen. In Italien mag das mit dem Zurufen funktionieren, bei mir nicht. Ich bin froh, als die Ampel grün wird und ich endlich weggehen kann.

Beispiel 2:

Bei sämtlichen Outfitshootings, zu denen ich Shorts trage, oder generell wenn ich kurze Hosen oder Röcke trage, muss ich regelmäßig davon ausgehen, dass mir junge Männer ihre Schmatzer und Küsschen hinterherjagen. Bei Tarkan in dem Song damals ging das noch mit dem „Mwah, mwah!“, aber mich nervt es einfach nur noch uuunheimlich, weil es so unglaublich oft vorkommt! Soll das lustig sein? Ist das eine plumpe Anmache? Ich weiß es nicht…

Beispiel 3:

Ich liege nichtsahnend im Bikini auf den Rheinwiesen in Düsseldorf, warte darauf, dass mein Schatz zurück kommt und sonne mich. Aus meinem Dösen weckt mich ein mittelalter Mann mit polnischem Akzent und sagt: „Hallo schöne Frau.“ Ich erwache verdutzt und sage höflich hallo. Daraufhin er: „Ich würde dich gerne massieren. Du bist so schön.“ Ich bin noch verdutzter und auch etwas erschrocken und antworte höflich, aber bestimmt: „Nein danke, mein Freund kommt gleich wieder. Tschüss!“ Er steht noch eine gute halbe Stunde etwa 20 Meter weiter und starrt mich an, bis endlich ein guter Freund kommt und mich begrüßt. Da ist er dann plötzlich weg. Interessante Taktik Vielleicht macht man das in Osteuropa so, kann ja sein, aber bei mir klappt auch das nicht. Was hat er sich denn erhofft? Dass ich freudig jubelnd seine Massageangebote annehme?

Beispiel 4:

Ich steige am Südstern in Berlin in die U-Bahn. Ein Mann macht mir Platz, sodass ich durchgehen kann. Ich bedanke mich höflich. Daraufhin fängt er an, sich mir immer mehr zu nähern, bis er direkt neben mir steht und ich seinen beißenden Schweißgeruch in meiner Nase habe. Die Bahn ist voll, ich kann da jetzt nicht weg. Als ich eine Minute später an der nächsten Station wieder aussteige, deutet er mir tatsächlich sehr höflich, dass ich zuerst aussteigen darf. Ich bedanke mich wieder, denn das war ja nett, obwohl er vorher wirklich zu nah bei mir stand. Ich gehe die Treppen nach oben zur anderen U-Bahn und merke, wie er mir weiterhin folgt. Er ist nicht mal einen Meter hinter mir. Ich stelle mich oben ans Gleis und warte auf die Bahn, da stellt der Kerl sich einfach direkt vor mich und atmet mir mit seinem schlechten Mundgerucht direkt ins Gesicht. Ich drehe mich weg und laufe schnell ein Stück weiter. Er folgt mir. Schließlich kommt die Bahn und ich jogge so schnell mit der bremsenden Bahn mit, dass ich 3 Wagen weiter vorne einsteigen kann. Ich höre nur noch, wie er mir in schlechtem Deutsch aber sehr laut nachruft: „Schade du jetzt wegläufst.“ Was hat er denn gedacht? Dass ich durch seinen betörenden Mundgeruch sofort fügig werde und ihn zu ihm nach Hause begleite??

Beispiel 5:

Ich sitze im Park und sonne mich auf einer Parkbank. Ich trage ein Camisole-Top und eine Shorts. Als ich gerade eindöse und die Sonnenstrahlen genieße, grabscht mir ein junger Mann einfach an meine Brust. Ziemlich fest, es tut weh. Doch so schnell und unerwartet, wie es passiert ist, rennt der Typ zusammen mit einem Kumpel auch schon weg. Sein Gesicht konnte ich nicht erkennen. Ich versuche noch, hinterher zu rennen und brülle erzürnt: „Geht’s noch, alter!?“, aber da ist er schon über alle Berge. War das lustig? Eine Mutprobe unter jungen Männern? Was sollte das?

Ich könnte euch noch Hundert Beispiele geben, die sich genau so oder sehr ähnlich abgespielt haben. Ich bin damals sogar aus Berlin Neukölln weggezogen, weil ich die jungen Männer nicht mehr ertragen habe, die mich jeden Abend vom kurzen Fußweg zwischen der S-Bahn und meiner Wohnung belästigt haben. Ich habe mich dort wirklich nicht mehr sicher gefühlt, weil ich jeden Abend angemacht oder angegrabscht wurde. Was haben die sich denn dabei gedacht? Wenn eine Frau Shorts und Heels trägt, ist sie definitiv eine Nutte? Dass sie das ja eh so will? „She was asking for it.“? Am liebsten hätte ich mir Pfefferspray gekauft, aber in einen anderen Stadtteil umziehen war die angenehmere Variante.

Schlimm, dass man als Frau Faktoren wie den Grad der sexuellen Belästigung bei der Wohnungssuche mit einbeziehen muss. Soviel also zur Gleichberechtigung.

Ich sage aber nicht, dass es unbedingt mit der Ethnizität oder dem Migrationshintergrund der Männer zu tun haben muss. Ich kann nur aus eigener Erfahrung sagen, dass ich es bisher bei mir meist junge türkische, arabische oder polnische Männer waren, die mich belästigt haben. Und trotzdem habe ich kein Problem mit Einwanderung, ich bin absolut dafür. Nur mit dem sexistischen Verhalten einiger junger Männer habe ich ein großes Problem.

Ich habe aber leider auch noch keinen ausgefeilten Lösungsansatz für dieses Problem. Soll ich nur noch in männlicher Begleitung vor die Tür gehen? Aber ich bin doch eine selbstständige, freie Frau. Oder soll ich mir Mülltüten überstülpen? Aufhören, mich zu Schminken? Ich könnte auch komplett meine Körperhygiene einstellen, könnte meine Haare nicht mehr waschen und meine Zähne nicht mehr putzen. Vielleicht bin ich dann irgendwann so abstoßend und ekelhaft ungepflegt, dass ich keine dummen Anmachen oder Übergriffe mehr ertragen muss? Wenn die Wolke von üblem Gestank mich mit 50 Metern Reichweite umwabert? Das könnte durchaus funktionieren…

Ihr merkt: dieser Ansatz war leicht zynisch formuliert. Aber es ist auch zum Verzweifeln. Ich würde mich wirklich gerne so kleiden, wie ich mag, so sein, wie ich bin, und trotzdem vor solch unangenehmen Situationen gefeit sein.

Helfen würde es sicher, wenn man jungen Männern in Kursen – vielleicht durch Rollenspiele – beibringen würde, wie man sich als Frau fühlt, wenn man so behandelt wird. Ihnen einfach mal den Spiegel vorhalten. Oder bei kulturellen Differenzen („Meine Frau verschleiert sich komplett, alle Frauen mit Miniröcken sind Nutten und denen muss man es richtig geben!“) den Dialog suchen.


AUFklären und ERklären sind hier Stichwörter.

Ansonsten wird es immer so weiter gehen und junge Männer werden weiterhin Frauen belästigen, begrabschen und wie ein saftiges Stück Fleisch behandeln. So habe ich mir die Gleichberechtigung jedenfalls nicht vorgestellt.

Und hier nochmal kurz an die Männer, die mir regelmäßig auf den Senkel gehen: kümmert euch um euer eigenes Leben und versucht nicht, in Nachbars Garten zu ernten. Das funktioniert eh nicht. Und lustig ist es auch nicht. Stellt euch mal vor, ich würde einem von euch, der grad gemütlich mit Shorts auf einer Parkbank chillt, einfach so ganz feste in den Schritt greifen und dann laut lachend wegrennen? Keine Frau käme auf die Idee…

Irgendwie sind wir doch zu unterschiedlich… Männer und Frauen, das ist echt ne schwierige Kiste. Und das mit der Emanzipation? Ist doch wirklich eher eine Theorie…

Und jetzt seid ihr dran: habt ihr vielleicht schon einmal etwas ganz ähnliches erlebt wie ich? Oder habt ihr Ideen, wie man dem aus dem Weg gehen könnte? Über einen lebhaften Austausch unter Frauen würde ich mich sehr freuen. Und auch Männerstimmen würde ich nur zu gerne zu diesem Thema hören!

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6 Comments

6 Comments on Muss ich mir das gefallen lassen? Vom ganz alltäglichen Sexismus

  1. Stefanie
    Sonntag, der 4. September 2016 at 12:27 (1 Jahr ago)

    Was Du beschreibst, kenne auch ich nur zu gut leider. Und ich frage mich immer, was in diesen Männern vor sich geht. Ist das so ein dumpfer Reflex: Frau, Haut, Fleisch=will ich haben, anfassen, riechen, begatten, besitzen? Weil es ist ja nicht nur ein kurzer Versuchsmoment, nach dem bei ausbleibender positiver Resonanz der Frau aufgegeben wird – was eigentlich logisch wäre! (oder belohnt die Evolution den penetrant aufdringlichen?) – sondern ein respektloses, übergriffiges Verhalten. Würdelos übrigens auch für den Mann, denn ich würde es erbärmlich finden, jemandem hinterzulaufen und zu baggern, der nicht will. Aber da sind wohl einige Männer anders. Die haben kennen weder Stolz noch Respekt – oder haben eben eine ganze andere Variante davon, die sich mir als Frau null erschliesst. Ich habe dafür keine Lösung und es ärgert mich jedes mal erneut.

  2. Andrea
    Sonntag, der 4. September 2016 at 13:58 (1 Jahr ago)

    Ein sehr wichtiges Thema toll in Worte gefasst. Richtig schlimm was dir da schon passiert ist… bei mir „beschränkt“ es sich meist aufs gucken aber das ist mir oft so unangenehm so angestarrt zu werden..meist sind es leider wirklich entweder Ausländer(gegen die ich nichts habe!) oder ältere Männer… aber ich bin manschmal wirklich froh nicht in einer Großstadt zu leben…dort muss es ja noch krasser sein…

  3. Vita
    Sonntag, der 4. September 2016 at 15:36 (1 Jahr ago)

    Ich verstehe dich soooo gut! Vor ein paar Monaten habe ich auch schon einen Artikel zu dem Thema verfasst, in dem ich all meine Gedanken und teilweise auch meine Wut verarbeitet habe. Vielleicht magst du es dir ja durchlesen: Das ist keine Einladung

    Generell kann ich sagen, dass mir und meinen Freundinnen solche Situationen immer wieder zustoßen und ich mittlerweile so eine Abneigung gegen Männer habe, dass es vermutlich nicht mehr normal ist. Ich bin immer skeptisch und frage mich, wann mein Gegenüber meine Grenzen mal wieder überschreitet oder einen abfälligen, sexistischen Kommentar zu meinem Äußeren macht.

    Daher habe ich mir angeeignet immer stark zu sein und laufe vermutlich immer mit einem „Resting Bitch Face“ rum, damit mich bloß niemand doof anmacht oder auch nur versucht mich anzufassen. Damit verschrecke ich zwar sicher auch einige Leute, aber ich bin es so Leid und genervt, dass ich es nicht in Worte fassen kann.

    Liebe Grüße,
    Vita

  4. Yoyó
    Sonntag, der 4. September 2016 at 20:45 (1 Jahr ago)

    Leider muss ich dir da vollkommen zustimmen. LEIDER. Ich mache immer wieder Erfahrungen von sexueller Belästigung und es reicht echt. In letzter Zeit kamen „glücklicherweise“ nur harmlose Zurufe, aber vor einem halben Jahr haben sich die Übergriffe so vervielfacht, dass ich teilweise an mir selbst gezweifelt hab. Sende ich falsche Signale? Kleider ich mich falsch? Und dazu muss ich sagen, dass ich in solchen Situationen nie klein beigebe. Ziemlich krass, was das mit der eigenen Psyche anstellt.. Übrigens hab ich auch darüber geschrieben: http://www.eros-and-psyche.com/2016/04/kolumne-5-fass-mich-nicht-90s-revival.html

    Traurig, dass doch so viele Frauen anscheinend das erleben müssen. Deswegen find ich es gut, dass du darüber schreibst. Man kann es nicht oft genug wiederholen: Es ist nach wie vor Aufklärungsbedarf vorhanden und Feminismus und Emanzipation sollte man nicht als hysterische Ausartung betrachten. Es geht nicht darum, Männer zu unterdrücken. Sondern um Gleichberechtigung. Denn darauf haben alle ein Recht, Menschen sind wir alle.

  5. stephanie
    Sonntag, der 4. September 2016 at 21:45 (1 Jahr ago)

    ich kenne diese alltagssituationen leider auch zur genüge. bei einfachem hinterher pfeifen oder luftküsschen kann ich eigentlich nur lachen, da mache ich mir auch nichts drauß.
    was ich mir in deinen beispielen aufgefallen ist und was mich etwas beunruhigt – vielleicht hast du es getan, aber hier nicht nieder geschrieben: du musst den männern bitte, bitte ganz deutlich sagen, dass sie gehen sollen. klar, deutlich und bestimmt. ich stelle immer wieder fest, wie klein diese typen sind, wenn man sie damit konfrontiert, dass sie eindeutig eine linie überschritten haben. sie sind sich dessen meist gar nicht bewusst, wie auch, wenn sie es nicht gezeigt bekommen. ich sehe das pragmatisch, wenn ich nicht angemacht werden will, dann bin ich dafür verantwortlich es zu kommunizieren – klar und deutlich.

  6. Daniela
    Montag, der 5. September 2016 at 08:38 (1 Jahr ago)

    Das ist so ein schwieriges Thema. Es ist schon schlimm genug, dass man in Clubs oder auf Straßenfesten grundsätzlich an den Hintern gepackt wird – ist ja auch einfach, wenn keiner sieht, wer genau das war und noch viel einfacher, wenn man Alkohol getrunken hat. Dass das aber mittlerweile auch Standard an allen anderen Örtlichkeiten, zu jeder Tageszeit und nüchtern geworden ist, macht mir irgendwie Angst. Dabei will ich das gar nicht. Ich will mich nicht unwohl fühlen, und ich will ich selbst sein und das meine Grenzen dabei respektiert werden. Schließlich kriegt Frau es im Normalfall auch hin, die persönlichen Grenzen der Männer zu respektieren. Und doch ist da dieses unterbewusste Unwohlsein, wenn man in der Dämmerung mit einer kleinen Gruppe Männer allein auf einer Straße ist oder an der Bushhaltestelle steht. Mir ist auch aufgefallen, dass viele Menschen grundsätzlich ein schlechtes Verständnis dafür haben, wie nah sie einem kommen dürfen. Allein schon an der Kasse im Supermarkt neigen alle irgendwie dazu viel näher an fremde Menschen heranzutreten. Und auch Kinder haben viel weniger Berührungsängste.

    Liebst Daniela
    von http://cocoquestion.blogspot.de/